Nach der ersten Durchführung im letzten Jahr, gab es auch dieses Jahr wieder einen Ultratrail am Weinsteig. Für diesen habe ich mich bereits frühzeitig angemeldet, immerhin ist die Teilnehmerzahl begrenzt. Allerdings sind für mich in diesem Jahr die Vorbedingungen deutlich andere, es ist nicht einfach ein weiterer Ultra-Marathon aus der Serie 12 Monate / 12 (Ultra)-Marathons. Stattdessen ist es erst der dritte Wettkampf in diesem Jahr – interessanter Weise war auch beim letzten Wettkampf das Ziel Bockenheim an der Weinstraße. Zielsetzung ist daher diesmal klar: Ankommen und alles andere ist optional.
Die Anfahrt nach Neustadt durch die Dunkelheit ist schnell erledigt, der Treffpunkt in der Jugendherberge hat sich nicht geändert – die Übernahme von Startnummer und Transponder ist schnell erledigt. Es bleibt noch Zeit für einen Kaffee und etwas Austausch mit den anderen Teilnehmern, unter anderem treffe ich Stefan wieder – mit ihm habe ich letztes Jahr mindestens das letzte Drittel der Strecke gemeinsam bewältigt.
Pünktlich um 8h geht es aus dem Hof der Jugendherberge. Der erste Kilometer gehrt noch durch Neustadt, aber schon bald geht es auf den ersten Trailabschnitt und auch den größten Anstieg nach oben zur Wolfsburg. Die Höhenmeter machen mir ganz schön zu schaffen, aber es gibt ja auch einige halbwegs ebene Passagen. An der Wolfsburg ist diesmal nicht Rätselraten angesagt was den Weg betrifft und so finde ich mich mit einem Pulk Läufer recht schnell auf dem weiteren Weg nach oben. An Laufen denkt dabei keiner. Es sind eben alles doch erfahrene Ultraläufer, die wissen ganz genau was noch kommt und dass man jetzt nicht die Energie verpulvern darf die man später noch braucht. Am Aussichtspunkt mache ich noch einen kurzen Fotostopp wie im letzten Jahr, das kostet mich einige Plätze aber das ist mir diesmal egal.
Es gibt dann ein wenig Erholung, bevor es nochmal richtig steil ans Weinbiethaus nach oben geht. Der VP dort ist mit netten Schildern angekündigt und es hat schon fast etwas von Landebahn als es auf die letzten Meter geht: Mit LED-Schlauch hat man ein gutes Stück bis zum Gebäude markiert – da kann man sich nicht mehr verlaufen. Ich greife an der Versorgung ein wenig Gummibärchen und etwas zu Trinken ab. Zudem wird die Trinkblase aufgefüllt. Ich mache mich dann aber auch zeitnah an den Abstieg in Richtung Benjetal – war mir auf dem Weg nach oben mit meinen zwei Lagen schon fast zu warm, bin ich nun im Schatten froh um mein Langarm-Trikot und die zusätzliche Schicht. Der Abstieg ist herrlich trailig, lauter kleine Wege im Zickzack nach unten, das macht richtig Freude auch wenn ich durchaus von anderen Läufern überholt werde. Irgendwie fehlt es mir ein wenig an Spritzigkeit und Zutrauen den Berg hinunter. Ich mache mir innerlich eine Notiz hier etwas häufiger eine Einheit dazu zu machen.
Im Benjetal muss ich diesmal nicht lange nach dem Weg suchen, zielstrebig wähle ich den Weg direkt im Tal am Bach entlang aus. Teilweise meldet das GPS auf der Uhr eine deutliche Abweichung vom Track – die Wegmarkierung bestätigt mich aber. Am Ende des Tals geht es wieder etwas bergan und dann führt der Weg mit interessanten Blicken in die Rheinebene immer am Rand des Pfälzer Waldes und durch Königsbach. Echte Abwechslung – vor wenigen Kilometern noch Trail, jetzt verwinkelte Gassen in der kleinen Ortschaft. Ich laufe in einer kleinen Gruppe, so vergehen die Kilometer recht flugs und die Wegfindung verlagert sich auf mehrere Schultern. Kurz vor Deidesheim erreichen wir am Pfalzblick auch die nächste Versorgung, ich schnappe mir kurz etwas, die Trinkblase ist noch ausreichend gefüllt, es reicht als ein Becher. Die Strecke führt dann größtenteils auf breiten Wegen nach Deidesheim hinein, deutlich bergab. Nach der Ortsdurchquerung geht es auch wieder raus aus dem Ort, und klar: es geht bergauf. Das Wetter spielt dabei weiterhin mit: es ist wunderbar sonnig und ich verfluche schon fast meine lange Bekleidung.
Es geht wieder in den Wald hinein, die Steigungen sind moderat und ich kann das allermeiste noch gut joggen. In einer neuen Gruppe durchqueren wir die historischen Wallanlagen – wenn man dort nicht aufpasst läuft man den ganzen Kreis einmal aus, aber ich weiß ja, dass man auf die Abzweigung achten muss. Es geht nun auf die Wachenburg oberhalb des Wachenheims zu. Eine kleine Treppe und man steht vor der Burg. Ab jetzt ist es nicht mehr weit bis zur nächsten Versorgung im Tal – man kann sie schon fast riechen. Der Weg dorthin ist dann auch wirklich nur ein Katzensprung – noch ein wenig Forstweg und dann einen Trail nach unten ins Tal und zum Hintereingang der Sportstätte rein.
Die Versorgung ist wie letztes Jahr gut bestückt – ich fülle die Blase auf und lasse mir auch die frischen Waffeln schmecken, mache mich dann aber schon bald wieder auf den Weg. Nachdem wir im Tal sind, gibt es nun erst mal nur eine Richtung: nach oben! Immer weiter schön durch den Wald, der etwas länger Teil bergab auf breitem Weg sagt mir, dass meine Oberschenkel an der Belastungsgrenze gelangt sind – immerhin, noch kann ich es joggen. Ich freue mich schon fast als es wieder bergan geht, noch ein paar Schwenker durch den Wald und es geht in die Vororte von Bad Dürkheim hinein – erstmal befestigt und breit. Ich erwarte schon fast, dass ich bald auf Tobias auflaufe wie im letzten Jahr. Aber ich habe die Strecke tatsächlich für mich. Am Flaggenturm gibt es nochmal eine Foto-Station bevor es in die Innenstadt nach Bad Dürkheim geht.
Kurz nach dem Marktplatz muss ich dann ein wenig nach der Strecke suchen, auch andere Läufer verpassen die ein oder andere Abzweigung – immerhin weiß ich ja wo ich hin will: An die Unterführung unter der Talstraße – die Strecke bin ich beim Weinstraßen-Marathon ja entgegen gekommen. Von den Beinen her würde ich jetzt auch nur zu gerne auf die kurze und vergleichsweise flache Strecke nach Bockenheim einschwenken. Aber ich weiß ja wo es weiter geht: ganz klar, mal wieder nach oben und diesmal auch wieder anständig mit Treppe. Das nächste größere Zwischenziel ist der Bismarck-Turm bzw. die Gaststätte an der Lindemanns-Ruhe. Flach ist da nichts dazwischen. Diesmal sind auch keine Forstarbeiten, es geht also ohne Umweg direkt auf den Turm zu. Ich merke wie anstrengend das ist, kann aber noch eine Läuferin aus der 170er-Strecke überholen. Das gibt schon ein wenig einen Schub, allerdings habe ich auch ein kleineres logistisches Problem: Das Wasser wir langsam aber sicher knapp in der Blase und die nächste Versorgung ist noch mehr als 10km entfernt. Immerhin hat der Anstieg am Turm auch sein Ende und es geht halbwegs eben zur Lindesmannsruhe – so richtig anlaufen klappt aber nicht mehr, ich merke auch deutliche Zeichen von Dehydrierung. Ich bin schon fast versucht an der Gaststätte anzuhalten und mir dort etwas Wasser zu organisieren, aber es stehen freundlicherweise Supporter anderer Teams an der Strecke die genau wissen wie knapp es mit der Flüssigkeit ist, die haben vorgesorgt – so kann ich immerhin ein klein wenig auffüllen, das sollte dann bis Neuleinigen reichen. Für eine weitere Teilnahme muss ich mir für diesen Abschnitt echt etwas einfallen lassen, entweder in Bad Dürkheim am Brunnen auftanken oder doch eine eigene Support-Crew an der Lindemanns Ruhe abstellen, oder auch nur irgendwo einen Kanister Wasser den man nach dem Lauf wieder einsammelt.
Die folgende Strecke ist vergleichsweise flach, ich versuche mehrfach wieder zu Joggen aber es bleibt mehrheitlich beim Marschieren – ist mir zu dem Zeitpunkt aber auch völlig egal, ich will ja nur ankommen und da hilft nur: Einen Fuß vor den anderen. Ich hole auch nochmal Salz und ein Gel aus dem Rucksack für den Fall, dass die Probleme daher kommen sollten. Ich kann ein gutes Stück mit einem Einheimischen Läufer mitmarschieren, das hält mein Tempo zumindest halbwegs oben. Auch muss ich mich kaum um die Navigation kümmern, das entlastet ungemein. Mit einem knackigen Anstieg erreichen wir dann auch Battenberg. Aus dem Ort hinaus in die Weinberge sieht man schon Neuleinigen mit der Burg. Davor liegt aber nochmal ein Abstieg ins Tal und ein Anstieg an die Burg – das klappt diesmal zwar auch nur marschierend aber es kommt mir weniger hart vor. Auch gibt es eine willkommene Änderung gegenüber dem letzten Jahr: Die Versorgung ist an einem Weingut direkt im Ort, man muss also nicht erst bis an die Kuppe oberhalb der Autobahn. Ich greife nochmal zu, die leere Trinkblase wird aufgefüllt – diesmal mit Wasser und einem Schuss Iso. Man hätte auch Riesling, aber das lassen wir mal besser, für derartige Späße gibt es besser geeignete Läufe. Hingegen greife ich bei der angebotenen Brühe zu, die ist warm und das tut richtig gut.
Nun ist es auch nicht mehr so weit – noch rund 17km liegen vor mir. Allerdings ist mir auch bewusst, dass da noch einen kleinen Anstieg bei Mertesheim gibt. An den möchte ich aber gerade noch nicht denken. Joggen klappt auch eher noch sporadisch denn konsequent. Die Steigungen halten sich vorerst in Grenzen bis es in Grünstadt wieder deutlich bergab geht in Richtung Mertesheim. Zwischendrin werde ich immer mal wieder eingeholt oder überholt. Macht mir aber auch nicht viel aus, ich will nur noch ankommen und nicht aufgeben. Beim Blick aufs Handy erfahre ich nebenher, dass Tobias hat aufgeben müssen. Das ist schade aber ich kann und will mich noch nicht mit den Details beschäftigen. Beim Durchqueren von Mertesheim zeigt mir meine Uhr auch eine wichtige Info an: Nur noch 10km vor mir, somit ist Ankommen jetzt Ehrensache für mich. Da kann mich auch der Anstieg zum Flugplatz hoch nicht mehr groß aufhalten. Ich kann sogar noch einen Läufer wieder einsammeln der mich kurz zuvor überholt hat. Ich nehme mir fest vor, dass es nun auch so bleiben soll.
Die nun folgenden Passagen sind gekennzeichnet von primär bergab, aber es gibt auch nochmal einige Anstiege – laut Uhr sind es auch nur noch etwas unter 8km bis ins Ziel. Die ziehen sich aber dennoch ganz ordentlich hin – ich werde auch nochmal von einer schnelleren Läuferin überholt. Wann immer es entsprechend möglich ist versuche ich es mit Joggen, das gilt insbesondere für die Passagen bergab, denn da bekommen mir die kleinen Schritte deutlich besser als zu versuchen da runter zu marschieren. Als es noch rund 5km sind, aktiviere ich auch den Count-Down-Modus auf meiner Uhr, als ich ihn anstelle sind es noch 4,8km und laut Profil etwas mehr als 30 Höhenmeter. Es gibt aber wohl einige Abweichung zwischen dem Profil und der Realität, denn es gibt immer noch wieder Anstiege die ich deutlich wahrnehme und die mit Sicherheit eine Höhenmeter haben, allein an den verbleibenden Höhenmetern ändert sich nichts. Ist aber auch nicht weiter schlimm, denn ich kann mich nun recht gut auf meine Erinnerung verlassen – es sind nur noch 4km bis ins Ziel und auch wenn ich nicht mehr jeden Zacken des Wegs im Kopf habe, die grobe Orientierung passt.
Ich kann auch nochmal ein Grüppchen Läufer überholen, soweit ich es erkennen kann sind das aber Teilnehmer über die 170km. Ich bin richtig froh als ich kurz vor der Bebauung in Bockenheim ankomme und es nach rechts in Richtung Ort geht. Laut Uhr immer noch etwas mehr als ein Kilometer. Daher gehe ich auch noch nicht in den Zielsprint über. Das mache ich wirklich erst kurz vor der Einmündung auf die Weinstraße und den Weg zum Haus der deutschen Weinstraße. Dort stehen nochmal Menschen die für die letzten Meter anfeuern, also Kopf hoch, Brust raus und nochmal angejoggt, ganz egal wie sehr die Oberschenkel protestieren. Gefühlt fährt es mir bei jedem Bodenkontakt in die Oberschenkel. Endlich kommt die Ziellinie vor dem Sportlerheim in Sicht, zusammen mit jeder Menge Anfeuerungsrufe. Endlich im Ziel – nur nicht stehen bleiben danach, denn es geht noch einige Stufen nach oben in die Halle. Die will ich auf alle Fälle nehmen solange die Muskeln noch warm sind.
Im Zielbereich empfängt mich Holger als Organisator persönlich, zudem gibt es wieder ein hübsche Medaille. Am Ende stehen 10:19:50 auf der Uhr und somit Platz 31. Das ist jetzt nicht unbedingt eine überragende Platzierung für mich, in der Altersklasse bin ich sogar recht weit hinten. Aber wichtig ist für mich ja diesmal nicht die Zeit sondern wirklich nur das Ankommen. Die Zielverpflegung lässt auch keine Wünsche offen, bei derartigen Veranstaltungen gibt es auch kein richtig oder falsch was die Zusammensetzung des Tellers am Buffet betrifft – Frikadellen und dazu süße Teilchen mit Senf und Gummibärchen – sehr lecker. Dazu gibt es auch leckere Getränke, das alkoholfreie Bier nach dem Lauf schmeckt gleich noch mal so gut wenn man es sich so erlaufen hat. Den Riesling-Schorle lasse ich dann aber doch ausfallen, der hätte wohl einen echten Knalleffekt bei meinem Zustand. Tobi erklärt mir dann auch warum er aussteigen musste: durch den Regen in der Nacht hat er sich einen Wolf gelaufen und somit die Beininnenseiten aufgerieben – das ist verdammt schmerzhaft und definitiv kein gutes Zeichen wenn man noch etwas mehr als 60km vor sich hat.
Die folgenden Tage merke ich noch deutlich, dass ich über meinen Trainingszustand hinaus gegangen bin – noch am Montag habe ich etwas Schwierigkeiten beim Treppensteigen, die Oberschenkel fühlen sich immer noch an wie zugeschraubt. Aber es wird zusehends besser und das Langstrecken-Syndrom hat auch schon wieder reingekickt: Es war zwar verdammt anstrengend und schmerzhaft, aber das lag ja nur am fehlenden Training – wann ist der Lauf im kommenden Jahr und kann man sich schon anmelden? Ich bin auf die kommende Durchführung gespannt, vielleicht klappt es ja sogar mit einer Wasserstelle am Bismarckturm, das war der einzige kritische Stelle hinsichtlich der Versorgung entlang der Strecke.